Kriegstraumata und die Auswirkung auf die Kriegsenkelgeneration

Inhalt

Was sind Kriegstraumata?

Kriege sind traumatische Erlebnisse, die die Betroffenen nachhaltig prägen und verändern. Die Erfahrungen, die Betroffenen durchleben sind oft so extrem, dass sie nur schwer in Worte zu fassen sind. Häufig wird über das Erlebte geschwiegen, weil Betroffene die Situationen nicht einmal im Ansatz erneut durchleben wollen. Diese schrecklichen Situationen prägen auch das Denken und Handeln der Betroffenen, die dies bewusst und unterbewusst an die nächste & übernächste Generation weitergeben.

Schweigen über erlebte Kriegstraumata

Jeder Mensch spürt, wenn etwas verschwiegen wird, wenn etwas unausgesprochen ist. Wir Menschen sind soziale Wesen und haben sehr feine Antennen für das Schweigen, das uns umgibt – auch wenn wir die Gründe für dieses Gefühl nicht benennen können. Wir spüren, dass es ein „Geheimnis“ gibt, über das nicht gesprochen sondern geschwiegen wird. Deshalb stellen wir dann direkte Fragen, denen ausgewichen wird oder auf die mit Lügen reagiert wird. Besonders die Kriegskinder haben gelernt zu schweigen. Je nach Geburtsjahr haben sie gelernt über ihre Rollen und ihr Erlebtes im 2. Weltkriegs unter den Nazis zu schweigen. Sie haben ebenso gelernt über die Rollen und das Verhalten der Eltern (Großeltern der Kriegsenkel) zu schweigen. Die Scham, das Gefühl der Schuld, die Angst und die Panik, die mit dieser Zeit individuell in Verbindung gebracht werden, wurden verdrängt. Streng nach dem Motto: „Es darf nicht wahr sein, was nie hätte geschehen dürfen.“ Teilweise war dies aber auch eine Überlebensstrategie. Wie sollten diese Generationen mit den Erinnerungen an all das Grauen, den Blinden Gehorsam, den blinden Glauben an die Lügen und die Lehren der Nazis, überleben? Wie sollten sie ein „neues“ Leben beginnen? Es wird versucht darüber zu schweigen – die Ereignisse und Erlebnisse werden versucht zu verdrängen. Das hat jedoch weitreichende Folgen, denn das Schweigen und das Verdrängen führt zu unbewussten Handlungen. Die Kriegstraumata werden somit an die Folgegenerationen weitergegeben.

Traumata sind weit verbreitet. Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann bis zu einem Fünftel der Menschen irgendwann in ihrem Leben betreffen. Zu den häufigsten Formen traumatischer Ereignisse gehören Kampfhandlungen, Naturkatastrophen und Unfälle wie Autounfälle, Krieg, Flugzeugabstürze, sexuelle Übergriffe/Vergewaltigungen und körperliche Übergriffe.

Nicht alle Traumata haben psychische Folgen. In den meisten Fällen können die traumatischen Erfahrungen so verarbeitet werden, dass sie sich nicht auf das Leben der Betroffenen auswirken und lebenslange Ängste, Depressionen oder eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) hervorrufen.

Bericht von einer Betroffenen

Im Folgenden lesen sie einen Erlebnisbericht einer Betroffenen – einem Kind der Kriegsenkelgeneration, die das Schweigen über die Erlebnisse miterlebt hat.

Sabine Thiel – Gründerin des Netzwerkes

Ich bezeichne mich als typische Kriegsenkelin. Auf mich wurde sowohl die Liebe und Geborgenheit der Großeltern (väterlicherseits) als auch die absolute Ablehnung durch die Oma mütterlicherseits übertragen.

Dieser Schmerz ist nicht meiner

Ich bin mit den Geschichten meiner Eltern aufgewachsen. Ich bin Jahrgang 1965, also quasi 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges geboren.

Wenn ich jetzt so zurückblicke, erinnere ich mich tatsächlich noch an seltene Ruinen, die noch Spuren des Krieges trugen. Ich erinnere mich auch an den Besitzer eines Schreibwarenladens, bei dem ich immer einkaufte, der eine schwarze Faust als Prothese trug. Als Kind habe ich das so hingenommen.

Ebenso das Schweigen, dass ich spürte. Dieses Geheimnis in unserer Familie, dass ich damals auf mich bezog.

Für mich war es als Kind und bis in die frühe Pubertät klar, dass ich adoptiert sein muss.

Zwar hat jeder in meinem Gesicht das Erbe meiner Familie väterlicherseits erkannt, doch ich fand keine Verbindung zu meiner Mutter.

Von ihr wusste ich auch, dass sie vor und nach mir meine Brüder verloren hat.

Den letzten Bruder hat sie in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft verloren, er hing noch zwischen Ihren Beinen und ich muss wohl auf dem Boden vor ihr gespielt haben. Es war fast zu spät für sie, als mein Vater von der Arbeit nach Hause kam und uns fand.

Ich bezeichne mich als typische Kriegsenkelin. Auf mich wurde sowohl die Liebe und Geborgenheit der Großeltern (väterlicherseits) als auch die absolute Ablehnung durch die Oma mütterlicherseits übertragen.

Mütterlicherseits habe ich auch den Konflikt zwischen meinen Großeltern voll abbekommen, weil mein Opa mütterlicherseits immer versucht hat, die Defizite, die ich durch meine Oma zu spüren bekam, auszugleichen.

Meine Oma hat meiner Mutter immer zum Vorwurf gemacht, dass sie als Kind nicht gestorben ist.

Der Satz: „Du warst aber zäh!“ prägte das Leben meiner Mutter und übertrug sich auf mich.

Von meiner Herzensoma, der Mutter meines Vaters, lernte ich als Einzelkind das Teilen. Obwohl ich wusste und es mir auch immer wieder von ihr gesagt wurde, dass ich ihr Lieblingsenkelkind war, musste ich meine Süßigkeiten teilen.

Ich liebte als Kind weiße Schokolade. Wenn ich dann bei meiner Oma war, meine Cousinen oder auch nur eine von Ihnen ebenfalls meine Oma besuchten und es war Sonntag oder Oma hatte kein Geld, um auch ihnen eine Tafel Schokolade zu kaufen, musst ich meine Schokolade teilen.

Meine Oma hat mir immer erklärt, dass ich zwar Ihre Lieblingsenkelin war, Sie aber noch weitere drei Enkelkinder habe, die sie auch sehr liebe.

Das konnte ich akzeptieren.

Meine Großeltern väterlicherseits stammten ursprünglich aus der Eifel und von der Mosel.

Wenn wir dort mal Tagestouren oder Urlaub machten, ist mein Vater oft mit uns an riesigen Grundstücken vorbeigefahren und hat mir erzählt, dass der Wald seinem Vater gehört habe. Den Walt habe er für einen Sack Mehl verkauft und das Riesengrundstück am Ortseingang in dem Oma geboren wurde, auf dem heute ein großes Einkaufszentrum steht, habe Oma gehört und sie habe es für einen Sack Zucker verkauft.

Ob das nun stimmt oder nur eine Geschichte in unserer Familie ist, weiß ich nicht und werde ich wohl nie herausfinden.

Meinen Opa väterlicherseits habe ich nie kennengelernt. Er starb mehr als ein Jahr vor meiner Geburt.

Weil wir sehr oft die Geschwister meiner Oma an der Mosel und im Hunsrück besuchten, war ich sehr viel vor Ort und erfuhr viel von deren Geschichten und Bindungen. Ich war mir sicher, dass ich alles über den Zweig dieser Familie weiß.

Das stellte sich als halbe Wahrheit heraus.

Die Suche nach Antworten

Ich fing vor ca. 2 Jahren an, in meiner Familiengeschichte zu forschen. Was ich fand, machte mich nachdenklich, schockierte mich und deckte ein Geheimnis auf.

Mir war lange nur bekannt, dass meine Herzensoma drei Kinder geboren hat – wie sich aber herausstellte hatte sie VIER Kinder geboren.

Obwohl ich eine Cousine meines Vaters ausfindig machen konnte, die auch meinen Vater und seine (auch mir bekannten Geschwister kannte), beharrte auch sie darauf, dass es nur diese drei Kinder gäbe.

Das konnte aber nicht sein, denn auf der Heiratsurkunde meiner Großeltern waren vier Kinder mit ihrem Geburtsdatum aufgeführt.

Der mir unbekannte Onkel hat in der 1950er Jahren in erster Ehe geheiratet. Also war er zumindest einmal geschieden und er lebte in den 1950er Jahren noch.

Meiner Mutter wurde erzählt, dass dieses Kind im Kleinkindalter verstorben sei.

Mein Vater hat diesen Bruder nie erwähnt und von den noch lebenden Geschwistern meines Vaters erhalte ich keine Antwort.

Mein Vater starb im Jahr 1998.

Seine Geschichten über Duisburg Buchholz, in dem er aufgewachsen war, habe ich als Kind als Fantasie abgetan.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es hier Lastwagen mit aufgeschichteten Leichen gegeben haben soll.

Die Lieder aus dieser Zeit, mein Vater ist Jahrgang 1936, sein ältester Bruder ist Jahrgang 1927, sind Lieder, die die SS gesungen hatte.

Nachdem ich nun das Buch: Alles wackelt, der ganze Bunker wackelt, las, in dem die letzten Kriegskinder über ihr Leben erzählen, wurde mir bewusst, dass die Möglichkeit bestand, dass mein Onkel vielleicht ein Mitglied der SS war.

Damals wurden die Jungen gezwungen dort Mitglied zu werden.

Bei meinem Opa ist auch auffällig, dass er selbst in der großen Wirtschaftskrise, als hier in Duisburg die Stahlwerke schlossen und Massenarbeitslosigkeit herrschte, noch als Mitarbeiter eines Hüttenwerks aufgeführt wird.

So steht es auf der Heiratsurkunde. Meine Oma wird dort als berufslose Frau bezeichnet.

Sie muss zur Zeit der Hochzeit entweder hochschwanger oder grade Mutter gewesen sein.

Leider habe ich Schwierigkeiten das Sütterlin zu entziffern.

Papa hat mir auch erzählt, dass er einmal eine Gasmaske tragen musste und sich erbrechen musste. Um nicht zu ersticken hat er das Erbrochene aber wieder runtergeschluckt.

Noch heute setzt bei mir starke Übelkeit ein, wenn ich allein daran denke.

Mein Vater war ein sehr ruhiger, sehr introvertierter Mensch, der tiefe Freundschaften zu den ersten türkischen „Gastarbeitern“ hatte.

Für ihn war jeder zunächst ein Mensch. Unabhängig von Glauben, Aussehen und Herkunft.

Wie passt das zu dem, was er erlebt haben muss? Ich weiß es nicht.

Mein Vater hatte ein gutes Herz und kaum Vorurteile.

Doch wenn man es sich mit ihm verdorben hatte, war er unversöhnlich.

Meine Mutter erlebte immer die Ablehnung fast der gesamten Familie.

Ausnahmen waren mein Opa und ihre älteste Schwester.

Meine Oma hat auch mir später als Kind die Geschichte erzählt, die uns noch heute prägt:

Der Kinderarzt kam zu meiner Oma nach Hause, weil meine Tante schon als Kind schweres Asthma hatte. Meine Tante ist ein Jahr älter als meine Mutter (die Jahrgang 1939 ist).

Meine Mutter lag wohl im Kinderwagen und der Kinderarzt soll nach einem Blick auf meine Mutter gesagt haben: „Die bekommen sie auch nicht durch“.

Mit der Ablehnung leben

Meine Oma hat dann mit einer Gehässigkeit in der Stimme gesagt, mit Blick auf meine Mutter: „Doch Du warst ja zäh!“

Der andere Vorfall war, dass meine Mutter (so wird es mir noch heute erzählt), bei einem Bombenalarm oben im Zimmer allein gelassen wurde. Sie schlief wohl. Meine Oma nahm alle anderen Kinder mit in den Bombenkeller. Der Stall, der direkt an das Haus angebaut war, wurde getroffen.

Als meine Oma dann wieder mit den Geschwistern meiner Mutter nach oben kam, sagte sie nur: „Och, habe ich Dich vergessen?“

Diese Ablehnung übertrug sie auch auf mich.

Meine Cousinen und mein Cousin durften z.B. an Ostern immer in ihrem sehr großen Garten die Osternester und Ostereier suchen.

Für mich stand immer ein fertiges Nest im Zimmer meines Onkels auf dem Tisch.

Wir haben das vor dem Tod meiner Oma aber geklärt.

 

Meine Oma ist in dem Bewusstsein gestorben, dass ich sie geliebt und ihr verziehen habe.

Verzeihen ist etwas anderes als vergeben.

Folgende weitere Erzählungen meiner Mutter prägen mein Leben.

Als Kinder haben Ihre Geschwister und sie die Flak auf dem Feld vor der alten Mühle als Karussell benutzt.

Tiefflieger haben meine Onkel beschossen, als diese als Kleinkinder auf dem Hof spielten – Sie sind auf dem Bauch kriechend ins Haus zurückgekehrt.

Es gab „gute“ und „böse“ Bauern.

Das heißt, meine Mutter war als Kind während und nach dem Krieg auf dem Dorf.

Die eine Bauernfamilie gab den Kindern das Fallobst und ließen auch zu, dass „genug“ Reste auf dem abgeernteten Feld überblieb, so dass die Familie noch etwas zu essen hatte.

Die andere Bauernfamilie ließ weder zu, dass das Fallobst aufgehoben wurde, noch ließ sie auch nur eine einzige Kartoffel oder ähnliches auf dem Acker.

Der Acker wurde mehrfach geerntet und während der Ernte auch bewacht.

Eine dieser Bauernfamilien hatte während des Krieges russische Zwangsarbeiter, die unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten.

Als die Russen durch die Ortschaft kamen, wurden meine Großeltern von diesen Bauern als Bauern und „Herren“ der Zwangsarbeiter benannt.

Doch das wurde schnell richtiggestellt und der Bauer wurde von den Russen auf dem Feld totgeschlagen.

Meine Oma und mein Opa halfen den Juden aus dem Dorf und sie nahmen auch ein Klavier in Obhut, das nach dem Krieg wieder abgeholt wurde.

Mein Opa wurde mehrfach mitgenommen, weil er laut diesem kranken Denken „jüdisch“ aussah und auch noch Meyer mit Nachnamen hieß.

Aus dieser Zeit hat er wohl auch seine offenen Beine bekommen.

Grundsätzlich kann ich als Fazit feststellen, dass mein Vater, meine Oma väterlicherseits, mein Opa mütterlicherseits mir viel Positives, viel Stärke und vor allem den Sinn für Gerechtigkeit, ein möglichst breites Spektrum an Unvoreingenommenheit, Sicherheit, Geborgenheit und Liebe geschenkt haben.

Mein Vater war trotz allem, was er als Kind vermutlich erlebt hat, ein Freidenker. Er hat grundsätzlich jeden Menschen zunächst respektiert. Unabhängig von Herkunft, Religion, Stand, Alter.

Meine Eltern haben mich immer respektvoll und voller Liebe erzogen. Niemals musste ich mich ihren Vorschriften unterwerfen.

Nie habe ich den Satz gehört: „Solange Du die Beine und Füße unter meinen Tisch stellst, machst Du was ich Dir sage.“

Ganz im Gegenteil. Von meinem Vater habe ich das Streiten gelernt. Es gab folgende Regeln:

• Wir sprechen auf sachlicher Ebene miteinander.

• Es ist vollkommen in Ordnung unterschiedliche Ansichten zu haben.

• Es werden keine Schimpfworte oder Beleidigungen benutzt. Wir sind hier nicht auf dem Schulhof.

• Wir dürfen auch einmal die Stimme erheben und uns anschreien. Das kann in der Hitze der Diskussion geschehen.

• Wenn das Gespräch beendet ist, ist das Thema auch abgeschlossen.

• Mein „Nein“ wurde immer als Entscheidung von beiden Elternteilen akzeptiert.

Schon als kleines Kind hatte ich das Recht „Nein“ zu sagen. Ich habe gelernt, dass meine Eltern auch das Recht hatten „Nein“ zu sagen.

Ebenso wurde mir schon sehr früh bewusst, dass mein Verhalten und meine Entscheidungen Konsequenzen haben, mit denen ich dann umgehen muss.

Mein Vater hasste Lügen.

Ein Satz, der mich sehr geprägt hat: „Du kannst alles machen. Egal was. Ich werde immer zu Dir halten, versuchen Dich zu verstehen und ich liebe Dich immer. Du darfst mich nur niemals anlügen.“

Es gibt weitere Sätze, die mein Vater mir wiederholt sagte, und die mich seitdem auf meinem Lebensweg begleiten und mich in meiner Lebensführung begleiten:

„Lebe jeden Tag in Deinem Leben so, dass Du Dir am nächsten Tag noch im Spiegel begegnen kannst.“

„Wenn alle anderen von der Brücke in den Rhein springen, springst Du dann auch einfach hinterher?“

„Du kannst alles im Leben erreichen, was Du Dir vorstellen kannst.“

Rückblickend weiß ich heute, dass mein Vater ein schwer traumatisierter Mensch war. Er trug viel Schweigen und viele Wunden in sich.

Tiefe Wunden. Woher er die Liebe, Wärme und Geborgenheit, den Schutz und ja teilweise auch den Frieden in sich, den er auch für meine Kinder ausstrahlte und Ihnen schenkte, in einem nie enden wollenden Maß schenkte, weiß ich nicht.

Er war der Fels in der Brandung unserer Familie. Meiner Kernfamilie, für seine Mutter, seine Geschwister, seine Tante im Hunsrück, seinen Onkel an der Mosel, und für viele andere Menschen auch.

Er hat mir und meinen Kindern viele Werte gelehrt, die wir heute noch beachten und die ich an meine Enkel weitergebe.

Meine Enkel dürfen mit mir diskutieren. Sie lernen, dass das Wort „Nein“ ein wichtiges Wort ist.

Meine Mutter war und ist ambivalent.

Sie hat mir ihre Unsicherheit und auch das Gefühl, weniger wert zu sein als andere Menschen, nie genug zu sein, an meinem Können, meinem Wissen und meinen Gaben zu zweifeln, weitergegeben.

Unbeabsichtigt und auch ungewollt.

Es ist das Ergebnis, ihres Lebens und ihrer Kindheit.

Diese Widersprüche haben mich geprägt.